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04.03.2004webmaster



Als Pflanzenzeichnungen gelten im Rahmen dieses Projektes visuelle Repräsentationen eines bestimmten Pflanzentyps, die den Anspruch erheben, Sachinformationen über diesen Typ Pflanze zu vermitteln. Im hier betrachteten Zeitraum des 18. und frühen 19. Jahrhunderts bildeten diese Pflanzenzeichnungen ein eigenes Genre mit recht festen Standards und Konventionen. Die Pflanzen wurden tyBeispiel für eine Pflanzenzeichnung (Lilium martagon L. -- P.J. Redoute: Les Liliacées)pischerweise als einzelne Exemplare vor neutralem, weissen Hintergrund gezeigt, ohne weitere Hinweise auf ihren natürlichen Lebensraum (vgl. Bild links). Diese Präsentationsform ist nicht selbstverständlich -- zoologische Darstellungen etwa enthielten häufig Informationen über die natürliche Umwelt der dargestellten Tierart.

Neben einer Gesamtansicht der Pflanze waren zusätzliche Detailfiguren zur genaueren Darstellung von Blüte und Frucht üblich. Gezeichnet wurden die Abbildungen meist als Aquarelle, die man zur Veröffentlichung in Kupferstiche umsetzte.Von den Pflanzenzeichnungen zu unterscheiden ist der Darstellungstyp der Blumenbilder, worunteBeispiel für ein Blumenbildr solche Zeichnungen fallen, die zu dekorativen Zwecken verfertigt wurden, wie etwa botanische Stillleben, Darstellungen von Blumensträussen oder auch Ansichten einzelner Blüten (vgl. Bild rechts). Bilder dieser Art waren im 18. Jahrhundert sehr beliebt.

Nicht immer lassen sich die beiden Bildtypen scharf voneinander abgrenzen. In der Regel folgen Blumenbilder aber Massstäben der Darstellung und Gestaltung, die sich nicht mit den Ansprüchen an eine im weitesten Sinne zu wissenschaftlichen Zwecken angefertigte Pflanzenzeichnung decken. Den Zeichnern von Blumenbildern ging es nicht um die korrekte Repräsentation einer Art mit ihren charakteristischen Merkmalen, sondern um das ästhetische Portrait einer bemerkenswerten Pflanze. Bei der Herstellung (und Rezeption) der Blumenbilder legte man beispielsweise Wert auf grosse, prächtige Blüten in leuchtenden Farben, während die vegetativen Organe der Pflanze oder gar die unscheinbaren Narben oder Staubbeutel nur am Rande interessierten; in einer Pflanzenzeichnung können dagegen gerade diese unspektakulären Details im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, während die Farbgebung der Tafel eine untergeordnete Rolle spielt.

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Carl Linnaeus (1707-1778)Zeitrahmen

Das 18. und frühe 19. Jahrhundert bedeutete für die Botanik eine Zeit des Wechsels und des Umbruchs. In der Periode zwischen 1700 und ca. 1830 wandelte sie sich endgültig von einer medizinisch-pharmazeutischen Hilfswissenschaft zu einer eigenständigen Disziplin, von einer Liebhabertätigkeit zu einer Profession. In rascher Folge wurden eine Reihe ganz unterschiedlicher Taxonomien entwickelt: Zu Beginn des Jahrhunderts war noch eine Vielzahl verschiedener Systeme und Nomenklaturen im Gebrauch; je nach Region waren um das Jahr 1700 die Ansätze von Joseph Pitton de Tournefort, John Ray und Christian Gottlieb Ludwig dominierend.

Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts änderte sich dies durch die linnéschen Reformen erheblich: Das SexualsystemAntoine Laurent de Jussieu (1748-1936) von Carl Linné, der die Pflanzen nach Zahl und Form ihrer männlichen und weiblichen Fortpflanzungsorgane ordnete, setzte sich in ganz Europa durch. Nicht minder wesentlich war seine Begründung einer einheitlichen, binären Nomenklatur und die Definition allgemein anerkannter Fachtermini. Ab 1789, mit Antoine Laurent de Jussieus Genera Plantarum, begann der Durchbruch der Natürlichen Systeme, welche die linnésche Ordnung schliesslich ablösten.

Das Jahr 1700 wurde als untere Zeitgrenze gewählt. In diesem Jahr erschien die lateinische Ausgabe von Tourneforts Institutiones rei herbariae, welches die grundlegende Einführung in sein taxonomisches System darstellt, dessen Einfluss als bedeutendes vorlinnésches Modell berücksichtigt werden sollte. Das Jahr 1830 wurde als Obergrenze festgesetzt, um noch die Auswirkungen der ersten Natürlichen Systeme zu erfassen.

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Musterblatt aus Regnault: La Botanique. 1774Stichprobe

Eine umfassende Untersuchung aller im Zeitraum von 1700 bis 1830 angefertigten Pflanzenzeichnungen ist unmöglich. Um trotzdem Aussagen treffen zu können, die sich verallgemeinern lassen, ist es erforderlich, eine für den Zeitrahmen repräsentative Stichprobe an Pflanzenzeichnungen zu wählen. Blumenbilder sind dabei auszuschliessen; weiterhin muss sicher gestellt werden, dass die betrachteten Zeichnungen als angemessene Repräsentation der Spezies anerkannt waren und tatsächlich zumindest in bestimmten Kontexten als Informationsquelle genutzt wurden.

Für wissenschaftliche Pflanzenzeichnungen gibt es spezielle Bild-Bibliografien, auf die im Forschungsalltag noch heute zurückgegriffen wird; hierin finden sich die Nachweise botanisch anerkannter Abbildungen vieler Pflanzenarten. Die Standardwerke auf diesem Gebiet sind einerseits Georg August Pritzels Iconum botanicarum index locupletissimus aus dem 19. Jahrhundert und andererseits der in Kew Gardens angefertigte Index Londinensis aus dem frühen 20. Jahrhundert. Für die Zusammenstellung der Stichprobe wurden beide Werke verwendet, deren Informationen einander ergänzen (Beispiel: Pritzels Eintrag für das Ruchgras).

Vermutlich legten die Bibliografen des 19. oder gar 20. Jahrhunderts nicht dieselben Kriterien zur Auswahl wissenschaftlicher Pflanzenzeichnungen an wie die Botaniker des 18. Jahrhunderts. Es ist eher davon auszugehen, dass die Selektion der Nachfolger strenger war als die ihrer Vorgänger, so dass in den Bibliografien vielleicht das ein oder andere im 18. Jahrhundert beliebte Werk fehlt, dass aber andererseits die trotz allem aufgenommenen Werke eine zuverlässige Auswahl der etablierten Standardliteratur repräsentieren. Ein Vergleich der Bildauswahl der Stichprobe mit Literatur- und Abbildungsverweisen anderer (nicht illustrierter) Werke der botanischen Fachliteratur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts stützt diese Annahme: Die in die Stichprobe aufgenommenen Abbildungen und Werke werden darin regelmässig als Referenzen angeführt.

Als Umfang der Stichprobe wurde festgesetzt, die für den Untersuchungszeitraum nachgewiesenen Abbildungen von zehn PflanzenartMusterblatt aus Regnault: La Botanique. 1774en möglichst vollständig zu erfassen. Diese Datenbasis sollte ausreichen, um sowohl synchrone als auch diachrone Vergleiche zwischen den Pflanzenzeichnungen durchführen zu können. Eine Vorauswahl der zu untersuchenden Arten geschah nach dem Kriterium der Häufigkeit ihrer Darstellung. Um die Repräsentativität zu gewährleisten, sollten keine abwegigen Pflanzen, sondern übliche, alltägliche Objekte der botanischen Praxis des 18. Jahrhunderts untersucht werden. Dazu wurden aus Pritzels Werk alle diejenigen Arten herausgesucht, für die er mindestens acht Belege anführt. Die Menge dieser 865 Arten wurde weiter eingeschränkt durch die höhere Grenze von mindestens fünfzehn Nachweisen bei Pritzel. Da Pritzels Bibliografie für seine Belege keine Jahreszahlen anführt, besagt die Anzahl seiner Nachweise zunächst nur, wie häufig eine Pflanzenart bis zum Jahr 1855 einschliesslich abgebildet wurde, was für die Zwecke einer Studie, die nur einen Zeitraum bis 1830 erfassen sollte, zu weit gesteckt war. Die Auswahl wurde daher im Folgenden mit dem ausführlicheren Index Londinensis abgeglichen und weiter reduziert. So ergab zum Beispiel die Auszählung der Nachweise von Pritzel sehr hohe Zahlen für verschiedene Arten der Gattung Erica; ihre Überprüfung im Index Londinensis zeigte indessen, dass die meisten dieser Zeichnungen erst in den Jahren nach1800 entstanden, so dass diese Arten als Untersuchungsgegenstände für die vorliegende Studie nicht in Frage kamen.

Ein interessanter Befund war, dass im gewählten Zeitraum nicht etwa exotische Pflanzen besonders häufig abgebildet wurden. Diesen Eindruck könnte man gewinnen bei der Durchsicht aktueller Bildbände zur botanischen Malerei, worin ganz überwiegend optisch ansprechende, farbenfrohe Tafeln ausländischer Gewächse reproduziert werden. Weit beliebtere Darstellungsobjekte waren vielmehr die einheimischen Wald- und Wiesenarten, die weniger durch ihre Blütenpracht als vielmehr durch ihren Nutzwert bestachen. Abbildungen der neu entdeckten, häufig prächtigen Pflanzenarten aus Übersee blieben auf einige wenige Werke beschränkt.

Aus den nach dem geschMusterblatt aus Regnault: La Botanique. 1774ilderten Verfahren ermittelten, im Zeitraum von 1700 bis 1830 besonders häufig abgebildeten Pflanzen wurde dann für die vorliegende Studie eine endgültige Auswahl von zehn Arten getroffen, die insgesamt ein möglichst breites Spektrum innerhalb der (im weitesten Sinne) wissenschaftlichen botanischen Tätigkeit abdecken sollten. So war es etwa wünschenswert, in der Auswahl sowohl medizinisch oder landwirtschaftlich relevante Arten zu erfassen, als auch solche ohne praktischen Nutzwert, also unscheinbare Pflanzen vom Wegrand oder Zierpflanzen. Dahinter standen verschiedene methodische Überlegungen: Einerseits ist es möglich, dass sich die Botaniker und Zeichner des 18. Jahrhunderts in Bezug auf Zierpflanzen für andere Aspekte der Art interessierten als beispielsweise in Bezug auf Küchenkräuter, so dass die Darstellungen von Pflanzenarten, die sich in dieser Hinsicht unterscheiden, eine unterschiedliche Merkmalsauswahl zeigen würden. Andererseits wurde auf diese Weise eine möglichst breite Palette botanischer Teilgebiete und damit auch Werktypen erfasst, beispielsweise sowohl Kompendien, die sich auf Heilkräuter spezialisierten, als auch umfassende oder regionale Florenwerke.

Weiterhin stellen verschiedene Pflanzenarten den Zeichner vor unterschiedliche Probleme ihrer Abbildung: Hoch gewachsene Bäume und Sträucher angemessen zu repräsentieren, erfordert andere Strategien als die Darstellung von kleinwüchsigen Kräutern oder gar Moosen; bei Gräsern wiederum gilt es, die verwickelte Blütenmorphologie korrekt abzubilden. Weiterhin treten viele Pflanzenarten in morphologisch sehr verschiedenen, zeitlich aber weit getrennten Entwicklungsstadien auf, von denen möglicherweise alle in einer umfassenden Darstellung der Pflanzenart zu berücksichtigen sind. Um die unterschiedlichen Ansätze der Zeichner zur Lösung solcher und ähnlicher Schwierigkeiten zu verfolgen, sollte die Auswahl der Spezies auch in diesem Punkt vielfältig sein.

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Illustration zu den Ordnungsprinzipien in Linnés Sexualsystem Grenzen der Stichprobe

Die Bibliografie von Pritzel berücksichtigt insgesamt nur fünf Werke, die in den Jahren vor 1757 erschienen; Kniphofs Botanica in originali (ab 1757) bildete für Pritzel anscheinend die Grenze, indem es eines der ersten Werke war, das die linnésche Nomenklatur verwandte. Auch der Index Londinensis nennt nur wenige Nachweise vor diesem Datum. Die Motive für diese zeitliche Beschränkung sind nicht klar, vermutlich waren es entweder qualitative Überlegungen, d.h. die früheren Werke genügten den Anforderungen der Bibliografen an wissenschaftliche Abbildungen nicht mehr, oder praktische Probleme im Umgang mit der uneinheitlichen vorlinnéschen Nomenklatur. Nur wenige der in dieser Studie betrachteten Zeichnungen stammen also aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so dass über diesen Zeitraum nur sehr vorsichtige und vorläufige Aussagen getroffen werden können. Beide Bibliografien geben zudem keinerlei Auskunft zu ungedruckten Abbildungen. Die einzigen Aquarelle der Stichprobe wurden aufgrund eigener Recherchen ermittelt; sie entstammen Weinmanns Herbarium pictum sowie der umfangreichen Aquarellsammlung Johann Philipp Sandberger.

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